Make America easy again
Ich kann mich an Zeiten erinnern, als man sich aus den USA Medizin mitbringen liess, die man in Deutschland nicht oder nicht so einfach bekam. Das mitgebrachte Zeug wirkte schneller, besser, kam in großen Dosen und war noch dazu spottbillig. Als ich gestern in der Apotheke nach dem stärksten Nasenspray fragte, das sie anzubieten hätten, bekam ich eine Meersalzlösung über den Tresen geschoben. Eine Meersalzlösung! Ich fragte höflich nach etwas Stärkerem - etwas RICHTIG starkem, abschwellendem, betäubenden, was auch immer mich schlafen liess. Die nette Apothekerin blieb dabei, dass dieses Meersalz das Stärkste sei, was sie mir ‚over the counter‘, also ohne Rezept, geben könne. Ich gab dem acht Dollar teueren Spray eine Chance. Es wirkte nicht.
Aber es brachte mich zum Nachdenken, von welch anderen Klischees ich mich möglicherweise gedanklich ebenfalls trennen sollte. Gab es nicht immer etwas, das man unbedingt mitgebracht haben wollte, wenn ein Freund oder eine Freundin in die Staaten flog? Etwas, das es eben nur hier gab? Abgesehen von einer kleinen feinen Kosmetikfirma fällt mir heute tatsächlich kein Produkt ein, das es nicht oder vergleichbar nicht auch in Europa oder Deutschland gibt. Hat Europa aufgeholt oder sind die USA langsamer geworden? Wahrscheinlich beides.
Zumindest nehme ich die Staaten nicht länger als Trendsetter wahr, sie können mich nicht mehr beeindrucken - weder mit ihren Produkten, noch auf dem Dienstleistungssektor. Unsere Miete müssen wir in zwei Tranchen überweisen, weil das Limit für eine Überweisung bei 2.000 Dollar liegt und unsere Bank keinen anderen Lösungsvorschlag hatte, als alternativ einen Scheck zu schicken. Einen Scheck. Ich kann mich dunkel an die Zeiten erinnern, als mein Vater vor einem Urlaub Reisechecks bei der Bank abholte, da war ich ungefähr 12.
Doch Schecks sind hier absolut üblich. Kürzlich hatten wir unserer Krankenversicherung versehentlich zu viel überwiesen. Sie überwies das Geld nicht einfach zurück. Sie schickte einen Scheck, per Post, den wir dann zur Bank tragen mussten, um ihn dort auf unser Konto übertragen zu lassen.
Und auch ein Besuch beim Kinderarzt ist hochkomplex. Kurz vor ihrem Impftermin wurde Matilda krank und ich war unsicher, ob wir die Impfung dennoch durchziehen sollten. Ich rief in der Praxis an, die Empfangsdame schlug vor, die Ärztin in jedem Fall einen Blick auf die Kleine werfen zu lassen. Doch nachdem sie Matilda untersucht und Entwarnung gegeben hatte, kam es trotzdem nicht mehr zur Impfung. Die Dame am Telefon hatte mir angeboten, den Impftermin in einen „sick“-Termin umzubuchen. Das hieß aber wie ich lernte auch, dass sich dieser weder mit einer Impfung noch mit den gängigen Messungen wie Gewicht und Größe verbinden liess. Dafür müsse ich gesondert einen „well-being“ Termin vereinbaren. Und - natürlich - ein weiteres Mal 50 Dollar Praxisgebühr zahlen.