Es war einmal: Die Zicke auf der Erbse
Gestern las ich meiner 15 Monate alten Tochter zum ersten Mal ein Märchen vor - die Prinzession auf der Erbse. Ehrlicherweise konnte ich mich an die Handlung kein Stück erinnern. Für all diejenigen, die ebenfalls bereits bei 2/3 des Buches eingeschlafen oder anderweitig abgelenkt waren: In diesem Märchen prüft die Mutter des schönen Prinzen, ob die vermeintliche Prinzession auch WIRKLICH eine Prinzession sei, indem sie für das Nachtlager derselben alle im Schloss befindlichen Matratzen aufeinander stapeln lässt und zuunterst eine Erbse versteckt. Sollte das schöne Mädchen eine Prinzessin sein, so würde sie die Erbse durch alle Matratzen und Federbetten hindurch spüren. So weit, so schön.
Was mich stutzen liess, war die Tatsache, dass once upon a time offensichtlich ein blaublütiges Geschlecht untrennbar verbunden war mit einer außergewöhnlich hohen Sensibilität. Oder um das Kind beim Namen zu nennen: Eine Prinzession war offensichtlich nur dann eine Prinzessin, wenn sie eine richtige Zicke war. Doch es kam noch schlimmer. Nicht nur, dass die Prinzession tatsächlich sehr schlecht schlief und sich die halbe Nacht nur herumwälzte. Nein - sie machte auch beim Frühstück mit den potenziellen Schwiegereltern so gar keinen Hehl daraus. Auf die Frage der netten Königin, ob sie denn gut geschlafen hätte, antwortet sie barsch: „Ich habe überhaupt nicht schlafen können, irgendwas war mit der Matratze!“ Man stelle sich das einmal vor - diese vernichtende Ehrlichkeit! Meine Mutter hätte mir die Hölle heiss gemacht, Höflichkeit ging bei meiner Erziehung über alles! Unvorstellbar also, nicht nur zuzugeben, dass man kaum geschlafen hatte, sondern auch noch die Matratze der Gastgeberin zu beschuldigen. In meiner Welt hätte man gute Miene zum bösen Spiel gemacht und der Gastgeberin das Gefühl gegeben, dass das von ihr gemachte Bett das beste sei, in dem man jemals geschlafen hatte.
Meiner eigenen Tochter würde ich gerne den goldenen Mittelweg vermitteln. Niemanden vor den Kopf stossen, aber auch nicht sich selbst verleugnen der Höflichkeit wegen. Schwierig… Eine kleine white lie hier und da ist meines Erachtens oftmals zielführender als gnadenlose Ehrlichkeit. Wie ich ihr das beibringe, bleibt abzuwarten…
Die Zicke auf der Erbse werde ich ihr dennoch weiterhin vorlesen. Nicht nur, weil Matilda ganz versessen ist auf die bunten Bildchen. Es gibt im Buch eine Stelle, die mir pädagogisch äußerst wertvoll erscheint. Nachdem der Prinz auf seiner Reise um die Welt bereits sehr viele Prinzessinnen getroffen hatte und sich in keine verlieben konnte, ändert sich dies in der Nacht, in der die fremde Schönheit auftaucht. „The prince and the princess traded tales about their adventures. The more they talked, the more they felt the spark of true love“. Wie wahr!