Plötzlich Single
Zu meiner ersten freien Nacht ohne Baby und ohne Mann kam ich ganz überraschend. Matilda war ungefähr drei Monate alt gewesen, als sie mir beim Spielen mit voller Wucht mit ihrem überraschend scharfen winzigen Fingernagel ins Auge fasste. Es folgten unschöne Stunden in der Notaufnahme mit der Diagnose: Verletzung der Hornhaut, aber wegen der Stillerei keine Gabe von Antibiotika. Es heilte also nur sehr langsam, aber es heilte. Dachte ich. Matilda war 7,5 Monate, als sich das Auge erneut entzündete. Schmerzhafter als beim ersten Mal. Mit tränendem Auge, Mann und Kind fuhr ich Samstag Abend nach Manhattan in eine im Internet gelobte private Augen Notfall Klinik. Der Portier ist bei unserem Anblick irritiert. Ob wir denn einen Termin vereinbart hätten, der Herr Doktor weile nämlich in den Hamptons und käme nur, wenn man einen Termin hatte. So landeten wir in einer nicht-privaten Augen Notfall Klinik. Angekündigte Wartezeit: Mindestens zwei Stunden. Wir schauen uns entgeistert an. Plan B: Ich stille, Jörn fährt mit der Kleinen nach Hause und ich vereinbare mit der netten Dame an der Registrierung, dass ich nicht zwei Stunden in der eiskalten Wartehalle warten muss, sondern in zwei Stunden wiederkommen darf.
Mit immer noch tränendem Auge trete ich aus der kalten Klinik in die schwülwarme Sommernacht in Manhatten. Die ersten Meter fühlen sich seltsam an, die Arme so leer, die kein Baby tragen oder einen Kinderwagen vor sich herschieben. Dann dämmert es mir. Ich kann alles tun! Ich könnte in jedes Restaurant und in Ruhe essen, vielleicht sogar einen Wein trinken. Ich könnte mir eine Pediküre machen lassen oder ins Kino gehen. Diese unermessliche Freiheit plötzlich! Doch ich merke, dass sie mir so sehr gar nicht gefehlt hat in den letzten 7,5 Monaten seit Matilda auf der Welt ist. Und wenn ich in ein Restaurant oder ins Kino gehe, dann möchte ich das gemeinsam mit meinem Mann tun.
Die Nacht hat etwas magisches, der warme Wind streicht über Arme und Beine wie eine anschmiee Katze. Ich hole mir beim Chinesen eine Portion Edamame und Dumplings, mache mich auf die Suche nach einer geeigneten Outdoor Sitzgelegenheit und lasse mich durch die Menschenmenge treiben. Es ist mittlerweile 21:00 Uhr und die Dichte an alkoholisierten Menschen steigt minütlich. Ein junges betrunkenes Pärchen springt neben einem Mülleimer, um eine Kakerlake zu zertreten. Die Kakerlake kann glücklicherweise entkommen. Zehn Meter weiter tanzt ein junger Mann auf eine Musik, die es nur in seinem Kopf gibt. Umgeben von all den anderen hungrigen Nachtschwärmern setze ich mich am Union Square auf die Treppe und sauge die Intensität der Nacht in mich auf. So viele Erwartungen liegen in der Luft, so viel Energie.
Neben mir sitzt eine ältere Dame oben ohne. Ihre schrumpeligen Brüste hängen traurig an ihr herunter. Ich muss immer wieder hinsehen, bin aber die einzige, der auffällt, dass die ältere Dame textilfrei ist von der Hüfte aufwärts. Kurz überlege ich, schnell ein Oberteil für sie zu kaufen, aber die Zeit drängt, ich muss zurück zur Klinik. Widerstrebend stehe ich auf, drehe mich nach ein paar Metern nochmals um. Da sitzt sie seelenruhig in einer geblümten Bluse als sässe sie schon immer so da. Vielleicht musste die Bluse trocknen. Vielleicht mache ich mir zu viele Gedanken. Vielleicht schauen die Amerikaner deshalb oft weg - weil sich viele Dinge von selbst regulieren.